Gunter Cornehl 2015

Widerstand in der Hamburger NS-Zeit

 

"Widerstand gegen Hitler war gefährlich. Schon die leiseste Kritik konnte einen ins Gefängnis bringen. Immer mussten die Leute damit rechnen, dass sie angezeigt wurden. Wer sich offen gegen das Regime aussprach, riskierte die Todesstrafe. Aber es gab auch Möglichkeiten passiven Widerstand zu leisten ...", sagt Jonathan Junge, Abiturient der Rudolf-Steiner-Schule Hamburg-Bergstedt als einleitendes Statement auf der DVD Widerstand in unserem Filmprojekt Hamburger Zeitzeugen berichten - 1933 bis 1947.

 

In der Tat gehörte Mut dazu, nicht zu flaggen, an Hitlers Geburtstag. Der Blockwart kriegte zu hören, die Fahne wäre gerade in der Wäsche... Peter Petersen sagt selbst, dass man dies natürlich nur einmal als Ausrede bringen konnte. Aber immerhin. Später desertierte er, hatte aber keine schlechten Karten, weil seine Liebste in der Schreibstube saß und ihm seine offiziellen Entlassungspapiere aus der Kompanie unter dem Vorwand selbst mitgab, sie kämen jetzt bei dem Einrücken der Allierten über den Postweg nicht mehr sicher bei seiner neuen Kompanie an. Das war die Gelegenheit für ihn zu türmen, denn keiner vermisste ihn wirklich. Seine Eltern versteckten ihn im Hühnerstall und so kam er in den letzten Kriegsmonaten über die Runden. Das war natürlich schon mehr als "passiv". Es war eindeutig Giordanos "Facetten des Widerstandes" zuzurechnen und trotz der guten Ausgangslage hochgefährlich für ihn und seine Eltern. In unserem kleinen Filmausschnitt auf dieser Seite erzählt er eine Episode vor seiner Militärzeit. Und zwar, wie er  erfolgreich vermeiden konnte, dass ihm, wie allen anderen, auf dem Schulhof die zu langen Haare abgeschnitten wurden. - Eine ausführliche, generelle Dokumentation zum Thema:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

Widerstand in der Hamburger NS-Zeit   DVD-Auszug

Radio London in der Hamburger NS-Zeit  DVD- Auszug

Über eine andere Version für passiven Widerstand berichtet Uwe Storjohann  in unserem Filmausschnitt. Durch einen simplen Trick

verzögerte er seine Einberufung um mehr als ein Jahr: Er meldete sich ständig um. Die NS-Behörden waren total überfordert und konnten ihm seine Einberufungspapiere einfach nicht zustellen. Auch das ging natürlich nur eine gewisse Zeit gut. Als er schließlich doch einberufen wurde, ging es zunächst in eine Kaserne Am Höltigbaum. Dort hörte er frühmorgens Schusssalven und erfuhr, dass nebenan "Abweichler, Wehrkraftzersetzer und Deserteure" standrechtlich erschossen wurden. Er war bis ins Innerste erschüttert, als ihm drohte, selbst an den Erschießungskommandos teilnehmen zu müssen und legte sich für diesen Fall eine Handlungsoption zurecht: Er wollte vor dem Schießbefehl "ohnmächtig" zusammensacken. Warum es gar nicht erst dazu kam, schildert er auf eine sehr ergreifende Weise.

Nicht hier im Filmausschnitt zu sehen, ist die abenteuerliche Geschichte von Arthur Zwintscher, die er uns auf der DVD 4: Widerstand erzählt. Von unseren drei Protagonisten zum Thema ist er derjenige, der den offenen Konflikt zum NS-Regime eingegangen ist. Eingezogen als 17jähriger,  ein knappes Jahr vor Kriegsende, beschließt er mit drei seiner Kumpels zu desertieren, wird gefasst und sieht von seiner Gefängniszelle aus eines Abends Nazi-Gräuel an russischen Kriegsgefangenen auf dem Platz gegenüber. Er protestiert, ruft "Mörder", wird aber nicht gehört. In seiner Verzweiflung kritzelt er Hitler am Galgen als Strichzeichnung an seine Zellenwand. Gabriele Clasen, unsere Grafik-Designerin, hat dies als Motiv für das Cover generiert. Hitler so unerhört zu zeigen, ruft natürlich sofort die Nazis auf den Plan. Die Zeichnung wird pausiert und mit einer Meldung an das Gestapo-Hauptquartier nach Berlin geschickt. Arthur Zwintscher wird in eine andere, besonders bewachte Gefängnisanlage verlegt. Von dort bricht er zusammen mit einem Mithäftling trotz permanenter persönlicher Bewachung aus. Seine Odysee endet schließlich glücklich. Es ist, wie seine ganze Geschichte, der Stoff für einen Hollywood-Film. 

Arthur Zwintschers mutige und kraftvolle offene Auflehnung gegen das Nazi-Regime hatte in jenen unglückseligen Tagen Seltenheitswert, insbesondere die noch rarere Variante mit dem guten Ausgang. Das Hören der englischen BBC-Rundfunkstation Radio London, dem am häufigsten gehörten "Feindsender", war dagegen eine weit verbreitete Form des inneren Widerstandes gegen das NS-Wertesystem. Hier ging die große Rundfunk-Mobilmachung des Joseph Goebbels nach hinten los. Mit aller Macht versuchten die Nazis das Abhören diese Radiosenders zu verhindern. Schon das Hören von Musik auf Radio London wurde von ihnen streng geahndet und zog neben dem Einzug des Gerätes häufig eine Gefängnisstrafe nach sich. Drakonisch wurde es, wenn Nachrichten abgehört wurden. Flog es auf, galt es als "Staatsverbrechen" und wurde mit "schweren Zuchthausstrafen" geahndet. In der Verordnung vom September 1939, dem Abhörverbot jeglicher "Feindsender", drohten die Nazis in besonders "schweren" Fällen sogar mit der Todesstrafe. Überliefert ist der Fall eines Mannes, dessen Todesurteil am 17. September 1941 erging. Er hatte die Nachrichten des Feindsenders abgehört und dann den Inhalt seiner Frau erzählt. Mehr hier:                                      

Todesurteile wegen des Abhörens von ausländischen Sendern wurden allerdings seltener vollstreckt, als allgemein angenommen.

Trotz aller Strafandrohungen hörten Millionen Deutsche gerade in den letzten Kriegsjahren täglich Radio London. Unser Filmausschnitt macht deutlich, wie gefährlich dies von den Betroffenen selbst empfunden wurde. Man kann sich gut vorstellen, wie der Sender mit klopfendem Herzen eingestellt und verfolgt wurde. Eine Situation, die uns heute absolut befremdlich erscheint.

Sie wirft ein Licht auf diese unheilvolle Zeit und nötigt einmal mehr Respekt vor all den Menschen ab, die so viel Leid ertragen mussten und dies jeweils auf ihre Weise durchgestanden haben.