Zeitzeugenfilme im Unterricht -  Erster Fortbildungsworkshop durchgeführt -

Didaktische Überlegungen zum Einsatz im Unterricht - Stand: Juli 2019

 

Die Kooperation der Zeitzeugenbörse Hamburg (ZZB) mit dem Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung in Hamburg (LI) hat konkrete Formen angenommen. Herr Ramses Michael Oueslati vom LI (Bereich Stadtteilschulen),  dort zuständig für Gesellschaft, Geschichte und PGW hatte für sein Halbjahresprogramm 2016 einen Fortbildungsworkshop zum Einsatz des Filmmaterials Hamburger Zeitzeugen berichten-1933 bis 1947 im Unterricht aufgenommen und ist bereit, weitere Fortbildungen zum Thema einzuplanen. Hier gelangen Sie zu den thematischen Kurzfilmen aus der DVD Hamburger Zeitzeugen berichten-1933 bis 1947, die in besonderer Weise für den Einsatz im Unterricht konzipiert wurden.

 

 

 

Das gesamte Filmmaterial umfasst ca. 4 Stunden und ist in einer Box mit 6 DVDs bei der Zeitzeigenbörse Hamburg erhältlich:

Mehr zum Filmprojekt erfahren Sie über den Button Journal oben.

Ausgangslage: Es ist allseits unter Geschichtslehrkräften bekannt, dass die letzten ZeitzeugInnen des Nationalsozialismus und des Holocausts leider versterben. Die Hamburger Zeitzeugenbörse hat sich viele Jahre erfolgreich der Vermittlung von ZeitzeugInnen für den Unterricht verschrieben. Jetzt liegen auch Video-Materialien relevanter Aussagen Hamburger Zeitzeugen vor. Es ist vor allem die Sicht der damaligen Kinder und Heranwachsenden aus "Mitläufer-Familien" und Familien mit Distanz zum Nationalsozialismus, die zur Geltung kommt. Das Erleben und Erleiden der NS-Zeit wird im Detail veranschaulicht und damit für uns ein Stück weit begreifbar. Die filmischen Dokumente sollen die persönlichen Erzählungen zur Hamburger NS-Zeit in die Zukunft retten. Sie sind in besonderer Weise für den Unterricht in Schulen konzipiert. Die Themen sind so ausgewählt, wie sie auch im Geschichtsunterricht vorkommen: Machtergreifung, Judenverfolgung, Hitlerjugend usw.  Einleitende und kommentierende Texte sorgen mit historischen Bild- und Tonmaterial für eine erste geschichtliche Einbettung. Diese Kommentare werden von Schülern einer Abiturientenklasse der Rudolf-Steiner-Schule Hamburg-Bergstedt gesprochen. Die Schüler haben sich daran auch redaktionell beteiligt, sodass ein Sprachduktus entstehen konnte, der den Zugang zu den Themen im Unterricht fördert.

 

Durchführung: Am Dienstag, 5. Juli 2016, wurde in den Räumen des Landesinstitutes für Lehrerfortbildung, in der Felix-Dahn-Straße 3, ein Pilot-Workshop mit dem Thema "Die letzten Erzähler_innen - Wie setze ich die Hamburger Zeitzeugenbörse und deren filmische Unterrichtsmaterialien ein?" Teilnehmer waren 15 Lehrer_innen aus Stadtteilschulen und Gymnasien in Hamburg. Die Leitung der Fortbildung hatte Maria Beimel von der Domschule St. Marien in St. Georg.

Frau Beimel verfügt über langjährige Erfahrungen mit dem Einsatz von Zeitzeugen im Unterricht. Sie hat 1997 die ZZB mitgegründet und sie in den ersten 5 Jahren aufgebaut und geleitet. In der Fortbildung stellte Frau Beimel ihre Erfahrungen mit dem Einsatz von Zeitzeugen im Unterricht vor und lotete in einer Diskussion mit den Teilnehmern die Möglichkeiten, Zielsetzungen und Grenzen eines Unterrichtseinsatzes aus. Gemeinsam wurden ausgewählte Video-Clips des DVD-Projektes Hamburger Zeitzeugen berichten-1933 bis 1947 angeschaut und ausgewertet. Einhelliger Tenor der Teilnehmer war, dass dieses Filmmaterial für den Einsatz im Unterricht gut geeignet ist, es wäre generell sogar besser geeignet, als das aufwändig produzierte ZDF-Filmmaterial von Guido Knopp zu den gleichen Themen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Input vor dem Anschauen/Vorbemerkung: Glied=militärischer Ausdruck für eine Reihe in einer Truppenaufstellung, 1. Gied=1. Reihe. Das Material kommt auch für Sekundarstufe 1 in Betracht. Hier sollte  der Input umfassender sein und ggf. in einem Vorgespräch ermittelt werden. Die Begriffe Scharführer, Rüstungsbetrieb müssten geklärt werden. Vorangegangen sein sollte generell eine Einführung in das NS-Thema. Mir erscheint es auch sinnvoll, wenn vorab das Thema "Hitlerjugend" behandelt sein würde. Andererseits wäre es aus meiner Sicht auch denkbar, die Schlüsselszene Ungehorsam auf dem Schulhof als Startpunkt zum Unterricht mit dem NS-Thema zu benutzen.  Neben den harten Themen wie "Machtergreifung", "Judenverfolgung", "Hitlerjugend" und "Krieg" halte ich die weichen NS-Themen wie "Passiver Widerstand", "Swing-Jugend" und "Schule in der NS-Zeit" für sehr bedeutsam. Hier lassen sich SchülerInnen u.U. direkter ansprechen und für eine Auseinandersetzung mit dem Thema motivieren.  

Lernziel: Die Schüler verstehen die historische repressive Situation und erkennen den minimalen Handlungsspielraum für passiven Widerstand in der NS-Zeit.

Lernimpulse

Sekundärstufe 1: Wiedergabe der Geschichte mit eigenen Worten! Welche Fragen tauchen nach dem Betrachten des Filmes auf? Ggf. eine Auswahl von Adjektiven vorgeben, mit denen die Schülerinnen und Schüler das Verhalten von P. Petersen benennen und begründen können.

Fragestellungen: Warum haben es sich fast alle Schüler gefallen lassen, dass ihnen in großer Gruppe, zwangsweise die Haare geschnitten werden?  War seine Verweigerung ein mutiges Verhalten oder war es zu riskant? Was geschah mit dem Erzähler damals nach seiner Weigerung? Was hättet Ihr getan, wenn Ihr damals gelebt hättet und wärt auf dem Schulhof zum Haareschneiden angetreten, zusammen mit allen aus der gesamten Schule?

Exkurs (ggf. hier weglassen, im anderen Unterrichtszusammnenhang behandeln): Warum meint der Erzähler heute, dass er damals mit seinem Verhalten "erwachsen" geworden ist? Was verbindest du/verbinden Sie mit dem Wort "erwachsen"? Erinnert Ihr euch noch an eure erste "selbständige Handlung", ohne den Rat eurer Eltern?

Rechercheauftrag (soweit nicht vorab besprochen): Klären der Begriffe Scharführer, Rüstungsbetrieb. Wie sollten die Jungen die Haare in der Hitlerzeit tragen?

Reflexion: Der Erzähler P. Petersen hatte sich für den Fall, dass er damals "abgeholt" bzw. verhört werden würde, eine Ausrede ausgedacht. Schildern Sie mit Ihren Worten, was er zu seiner Verteidigung hätte sagen wollen und beurteilen Sie seine Argumentation. Wäre sie Ihrer Meinung nach erfolgreich gewesen?

Unterrichtsform

Neben dem Unterrichtsgespräch, lassen sich schriftliche oder mündliche Arbeitaufträge für Einzel-, Partner und Gruppenarbeit vorstellen. Auch ein Rollenspiel kommt in Betracht.

Analyse

Das Ausmaß der völlig anderen, fast unvorstellbar repressiven Situation in der damaligen Zeit wird an einem Bespiel schlagartig deutlich. Das gilt nicht nur für "staatliche" Übergriffe auf die persönlichen Rechte Einzelner, sondern auch für das auf Gehorsam ausgerichtete Verhältnis zwischen den Generationen. Erst am Ende der Schulzeit (nach der Schulhofszene erhielt er ja gleich seine Einberufung) hat Peter Petersen seiner Erinnerung nach, seine erste selbständige Tat (Übernahme eigener Verantwortung) ohne den Rat bzw. das Einverständnis seiner Eltern ausgeführt. Selbständiges Handeln ist heute erheblich früher angelegt und gefordert. Die NS-Zeit lässt sich ohne diese "repressiven" Implikationen in Erziehung, Gesellschaft und Staat weder begreifen, noch erklären.

 

Rückmeldungen und Anregungen sind willkommen, in besonderer Weise natürlich von Lehrkräften aus den Schulen und mit Lehrerausbildung betrauten Personen.

 

Auskünfte zum Stand der Planung und Anlaufstelle für Rückmeldungen: gunter.cornehl@gmx.net

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                                       

 


 

 

Peter Petersen: Ungehorsam auf dem Schulhof, 2:54min

Weiteres Vorgehen: Die bisherige Planung, im 2. Halbjahr 2018 eine Fortsetzung der Fortbildung zu diesem Thema unter der Leitung von Maria Beimel durchzuführen, wird sich nicht realisieren lassen. Frau Beimels katholische Domschule ist von der aktuellen Sanierungsentscheidung des Erzbistums Hamburg betroffen. Sie ist als Teil der Schulleitung bis auf Weiteres mit den sich daraus ergebenden Folgen befasst und steht für die Fortbildung aktuell nicht mehr zur Vefügung. Wir suchen jetzt zunächst Lehrkräfte, insbesondere von Stadtteilschulen, die sich für den Einsatz der Filme im Unterricht interessieren und sie versuchsweise in ihren Unterricht integrieren.  Danach kann überlegt werden, ob ein Austausch über die gemachten Erfahrungen oder eine Fortbildung darüber sinnvoll erscheint. Der Fokus bleibt bestehen. Er soll auf dem konkreten Einsatz der Filme im Unterricht liegen, mit der Zielsetzung, dass interessierte KollegInnen geeignete Informationen und Unterrichtshilfen erhalten und die Filme in ihren Schulen einsetzen können. Mit Herrn Oueslati  vom Landesinstitut für Lehrerbildung in Hamburg bleiben wir über den Fortgang des Projekts im Gespräch.

Didaktische Überlegungen: Wie im einzelnen unsere oder andere Zeitzeugenfilme über die NS-Zeit im Unterricht verwendet werden, ist abhängig von der Lehrplanrelevanz, der Ausgangssituation der Schüler und der gewählten Unterrichtsform. Außer Frage steht sicherlich,  dass Filme über authentische Zeitzeugenerlebnisse einen Beitrag leisten können, das Interesse von Schülern für die NS-Zeit zu fördern und damit einen Zugang ermöglichen, sich weiter mit dem Thema zu beschäftigen.

Im Folgenden sollen einige Ideen vorgestellt werden, wie über diese allgemeine Bedeutung hinaus, unsere Filme konkret im Unterricht eingesetzt werden könnten.

 

Idee 1

Verwendung eines Ausschnittes aus dem Kurzfilm "Widerstand"