Gunter Cornehl 2006

10 Jahre Zeitzeugenbörse in Hamburg

Bericht über den Start eines Videoprojektes

 

Im Rahmen meiner neuen freiberuflichen Arbeit als „Videograph“ stoße ich im Sommer 2006 beim Recherchieren im Internet auf die Begriffe Erzählcafé und Zeitzeugenarbeit und bin wie elektrisiert. In Hamburg gibt es seit etlichen Jahren eine aktive Gruppe von Menschen der Jahrgänge 1920 – 1940, die gemeinsame Erinnerungs- und Erzählarbeit leisten und als Zeitzeugen in Schulen und andere Institutionen gehen. Anders als so viele Vertreter meiner Elterngeneration setzen sie sich bewusst mit dem Nationalsozialismus und ihrer darin eingebetteten persönlichen Lebensgeschichte auseinander und wollen zu einem neuen verständ-nisvollen Austausch zwischen den Generationen beitragen.
 
In einem ersten Gespräch im Juni 2006 mit Ulrich Kluge, dem Leiter des „Seniorenbüro Hamburg e.V.“, unter dessen Dach die „Zeitzeugenbörse Hamburg“ agiert, wächst schnell die Idee, eine Videodokumentation über die Zeitzeugenbörse auf DVD herzustellen. Authentische Aussagen über persönlich Erlebtes der Zeitgeschichte in einer „natürlichen“ Erzählsituation vor der Kamera für die Nachwelt festzuhalten ist eine große Chance. Wie lange werden überhaupt noch Zeitzeugen am Leben sein, die über die 20er, 30er und 40er Jahre persönlich Auskunft geben können? Und ist es nicht so, dass wir nur über die persönlichen Berichte direkt erlebter und erlittener Lebensgeschichte, historische Entwicklungen überhaupt erst emotional begreifen, aus der Geschichte lernen können?
 
In der Folge besuchen Claudie Pront und ich im Oktober und November einige Male die Koordinationsgruppe der Zeitzeugenbörse in den Räumen des Seniorenbüros. Wir stellen unser Projekt vor und lernen uns kennen. Vor allem lernen wir den Umfang und die Themenvielfalt der Arbeit kennen, die in den ganzen letzten Jahren von den Zeitzeugen geleistet worden ist. Konstituiert 1997 und entwickelt unter der Leitung der Historikerin Maria Beimel gibt die Zeitzeugenbörse seit September 1998 regelmäßig das Mitteilungsblatt ZEITZEUGEN heraus. Internet: 
 
 
 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Nach welchen Kriterien aber soll im Film eine Auswahl getroffen werden? Welche Geschichten, welche Elemente daraus, welche Themen, welche Zeitphasen und schließlich welche von den über 50 Personen sollen die Erzähler/innen sein? Wir diskutieren gemeinsam. Der Rahmen und das kleine Budget des Films geben das Weitere vor. Zum 10jährigen Bestehen soll die Arbeit der Zeitzeugenbörse vorgestellt und gewürdigt werden, auf einer DVD mit maximal 60 Minuten Spiellänge.
 
6-10 aktive Mitglieder der Gruppe sind die Erzähler/innen und stehen exemplarisch für die Arbeit der Zeitzeugenbörse. Die Themen und die historischen Phasen werden nicht vorab festgelegt. Sie ergeben sich nach der persönlichen Motivation der Zeitzeugen: Was liegt mir nach meiner ganzen persönlichen Erinnerungsarbeit, der Arbeit als Zeitzeuge heute am meisten am Herzen? Was möchte ich gern anbringen und erzählen?
 
Heraus kommt eine Vielfalt an Themen, die letztlich die gesamte Zeit der 20er bis 60er Jahre betrifft mit einem besonderen Augenmerk auf die Schul- und Erziehungsthemen und der persönlichen Eingebundenheit darin. Mit großer Spannung und Freude erleben wir die laufenden Dreharbeiten.
 
Claudie Pront ist als Französin während der Interviews eine ideale Gesprächspartnerin der Zeitzeugen, vertritt sie doch nicht nur eine andere Generation, sondern auch eine andere Kultur und kann dadurch mit ihrer Fragehaltung als Externe eine erfrischende neue Sicht einbringen. Die Fertigstellung der DVD ist für den Herbst 2007 geplant.

 

Neben dem Organisatorischen finden sich hier Angaben über Aufgaben und Ziele, Berichte über die Besuche an Schulen und vieler anderer Aktivitäten der Gruppe, vor allem aber die vielen Erlebnisberichte und Erzählungen zur eigenen Lebensgeschichte der Zeitzeugen, die Produkte und Ergebnisse der aktiven gemeinsamen Erinnerungsarbeit. Die Vielfalt, Dramatik und persönliche Betroffenheit ist beeindruckend. Wie haben die Menschen um ihr Überleben kämpfen müssen und welche Lösungen haben sie immer wieder gefunden! Welchen Mut, welche Entschlossenheit und welche Ausdauer haben nicht selten Frauen und Kinder in ihrem dramatischen Lebensalltag entwickelt. Trotzdem haben Humor und feine Ironie auch ihren Platz in den Geschichten, nur so wird manches überhaupt erträglich.

In dem Buch „Zeitzeugen schreiben Geschichte(n), 1932 -1952“, 2003 hrsg. von Seniorenbüro/ZZB Hamburg, sind diese Geschichten eindrucksvoll nach thematischen Schwerpunkten zusammengestellt. Leider ist das Buch nicht mehr lieferbar. Sonstige Veröffentlichungen: